Was kostet Kultur?
Ein Nachtrag zur Debatte über den Förderantrag der HL für das Immenklang Festival
Die Haushaltsdebatte 2025 im Kusterdinger Gemeinderat spiegelt im kommunalen Format die zunehmende Spaltung unserer Gesellschaft in gegensätzliche Vorstellungen von einer lebenswerten Gesellschaft.
Wirtschaftliche Lage
Die schwierige wirtschaftliche Lage in Europa und weltweit führt auf der einen Seite zu Ängsten, dem Ruf nach mehr Sicherheit, Abschottung gegen Fremdes und dem Festhalten an Vertrauten. Auf der anderen Seite erweckt sie das Bedürfnis nach Zuversicht, Offenheit und dem Mut unbequemen Tatsachen ins Auge zu blicken und klug zu begegnen.
Auch, was die Verteilung der vorhandenen Einnahmen der Gemeinde auf die zu erfüllenden Aufgabenfelder angeht, tun sich Gräben auf. Es gibt diejenigen, die von Pflicht und Kür sprechen. Der Begriff Kür wird dabei so ausgelegt, dass hier alles darunterfällt, was nicht unbedingt zum reibungslosen Funktionieren des Alltags gebraucht wird und deshalb auf der Ausgabenseite gestrichen werden kann.
Und es gibt diejenigen, die sagen, dass das gesellschaftliche Leben aus mehr besteht als das Funktionieren. Dass erschaffene Werte nicht nur in Münzen und Scheine erscheinen, und, dass ein vielfältiges und lebendiges kulturelles Programm einen wertvollen Beitrag zu einem friedlichen, lebensbejahenden Umgang miteinander beiträgt und uns auch bei der Bewältigung von Krisen aller Art helfen kann.
Die Rolle von Kultur in der Gesellschaft
Wertfrei betrachtet, kann ich beide dieser zutiefst gegensätzlichen Umgehens Weisen mit unserer aktuellen Realität nachvollziehen und verstehen. Will ich aber für mich entscheiden, wo mein Weg lang geht, muss ich mich damit befassen, was die jeweiligen Folgen für unser gesellschaftliches Zusammenleben sein werden. Dieser kleine theoretische Diskurs soll helfen, mein Unverständnis darüber auszudrücken, wie wir im Kusterdinger Gemeinderat über die Rolle von Kultur in der Gesellschaft diskutiert haben.
- Unbestritten! Kultur kostet Geld.
- Unbestritten! Diejenigen, die in den Genuss von Kultur kommen wollen, müssen auch bereit sein, dafür zu bezahlen.
- Unbestritten! es gäbe hierzulande schon längst keine Theatersäle, Opernhäuser oder Konzerthallen mehr, wenn sie nicht aus Bundes- oder Ländermitteln finanziert würden.
- Unbestritten! Eintrittsgelder decken bei kulturellen Veranstaltungen in der Regel nur einen kleinen Teil der benötigten finanziellen Mittel ab.
So mussten auch die Macher*innen und Künstler*innen der mittlerweile sechsten Ausgabe von Immenklang über Jahre viel Herzblut und Ehrenamt daransetzen, ihr originelles Festivalformat im kulturellen Reigen der Gemeinde zu etablieren, bevor sie überhaupt einmal um finanzielle Unterstützung gebeten hatten. Wohlgemerkt! Bei den Akteuren von Immenklang handelt es sich um Profimusiker*innen und Künstler*innen. Der Unterschied zu einem Konzert örtlicher Musikvereine mit Laienmusiker*innen darf und muss hier gesehen werden, ohne dabei die Darbietung derer zu schmälern.
Immenklang: Höchste Qualität in Kusterdingen
Dass junge Menschen sich heutzutage entscheiden, ihre berufliche Laufbahn im künstlerischen Bereich zu wagen, erfordert Idealismus und Mut. Damit viel Geld zu verdienen, gelingt nur wenigen. Was aber sicher den meisten gelingt, die diesen Weg wählen, ist es, täglich viele Stunden mit dem Erlernen ihrer Instrumente, der Beherrschung ihrer Stimmen oder sonstiger künstlerischer Techniken zu verbringen, um ihre Darbietungen auf höchstem Niveau präsentieren zu können. Dass bei den Konzerten von “Immenklang” genau diese höchste Qualität auf den Bühnen geboten wird, davon kann sich jeder selbst überzeugen.
Wer aber nun, wenn er für den Eintritt in ein 2-stündiges Konzert meinetwegen 40,-Euro bezahlt hat meint, dass er damit alles kostendeckend bezahlt hat, irrt sich. Mitnichten ist mit dieser Summe der wirkliche Einsatz bezahlt, und das ist auch der Grund, warum Kultur ohne Förderung nicht stattfindet. Für eine kostendeckende Eintrittskarte bei einem Konzert von Immenklang wären dann weit über 100,-Euro fällig. Das ist aber keine Besonderheit von Immenklang. Das ist der Stand der Dinge, egal wo klassische Musik geboten wird.
Ich wage jetzt zu sagen, dass die meisten Besucher bei Immenklang einen ihrer Meinung nach großzügigen Betrag in den Hut werfen. Ich wage aber auch zu sagen, dass die wenigsten sich Gedanken darüber machen, dass die Künstler*innen davon nicht leben können.
Konzerte geben und hören ist aber der sicher freudvollste und lebendigste musikalische Akt für Darsteller und Zuhörer, aber eben auch der eher brotlose, wenn man die üblichen Eintrittsgelder in ein Verhältnis setzt zu den vielen Menschen, die an einem Orchester mitwirken.
Antrag der Härtenliste
Mit dem von der Härtenliste beantragten Zuschuss von 3500,- Euro für eine ganze Woche mit 3 großen Konzerten und vielen kleinen Kunst- und Musik Workshops hätten wir als Gemeinde einen kleinen Beitrag dafür geleistet, dass dieses tolle Event auch zukünftig jedes Jahr 1 Woche lang hier in den Scheunen und auf den Feldern von Immenhausen stattfindet. Die Künstler*innen, die hier seit 6 Jahren alles inclusive der notwendigen Finanzmittel mittels Anträge bei Stiftungen selbst organisieren, hätten eine derartige Aufmunterung als Anerkennung für ihren großartigen Einsatz wahrlich verdient, zumal kommunale Zuwendungen, oft Voraussetzung für Zuwendungen aus anderen Töpfen sind.
Schade, dass eine Mehrheit aus Freien Wählern, CDU und FDP diese Meinung nicht teilt. Wirklich arm ist eine Gesellschaft, die sich Kultur nicht mehr leisten will.
Johannes Ferber GR HL
Titelfoto: ChatGPT
