„Offene Kinder- und Jugendarbeit“ in der Jugendfarm Kusterdingen
Am vergangenen Rosenmontag lud die Härtenliste zu einer Veranstaltung zum Thema „Offene Kinder- und Jugendarbeit“ in die Jugendfarm Kusterdingen ein. Der Abend begann um 18 Uhr in den Räumlichkeiten der Jugendfarm, die seit 22 Jahren erfolgreich offene Jugendarbeit betreibt. Nach einer herzlichen Begrüßung durch Jens Peter vom Vorstand der Jugendfarm Härten e.V. und Martin Glora von der Härtenliste, führte Thomas Poreski, ein erfahrener Sozialarbeiter und Pädagoge sowie bildungspolitischer Sprecher im Landtag, mit einem Impulsvortrag in die Thematik ein. Ca. 40 Gäste folgten zunächst dem Vortrag und beteiligten sich im Anschluss an der folgenden angeregten Diskussion.
Die Bedeutung der Offenen Kinder- und Jugendarbeit
Thomas Poreski, der selbst aus der mobilen Jugendarbeit kommt und sich im Landtag für Kinder- und Jugendhilferecht sowie Kinderschutz einsetzt, betonte die enorme Bedeutung der Offenen Kinder- und Jugendarbeit als Jugendsozialarbeit. Er hob hervor, dass diese Arbeit weit mehr als ein „Reparaturbetrieb“ sei. Vielmehr gehe es darum, jungen Menschen Lebenschancen zu eröffnen, vielfältige Entwicklungsmöglichkeiten zu bieten und sie in ihrer Entfaltung zu unterstützen – weit über das hinaus, was die Schule leisten könne.
Poreski sprach vom „Präventionsparadox“: Wenn Prävention gut funktioniere, sei ihr Wert oft unsichtbar, weil Probleme gar nicht erst entstünden. Erst wenn etwas schiefgehe werde der Wert der Sozialarbeit schmerzlich bewusst und es flössen plötzlich Gelder. Der Satz „Es braucht ein ganzes Dorf, damit ein Kind gut aufwachsen kann“ wird in einer sich wandelnden Gesellschaft mit weniger Kindern, zunehmender Einsamkeit und Beziehungsarmut aktueller sein denn je.
70 Prozent dessen, was ein junger Mensch lerne, geschehe außerhalb der Schule. Hier fördere die Offene Jugendarbeit Selbstbestimmung, Selbstwirksamkeit und Kreativität, indem sie Räume für unstrukturierte Erfahrungen, das Erleben von Vielfalt und den Umgang mit Konflikten biete. Dies sei ein entscheidender Beitrag zur Demokratiebildung, da „Belehrung gegen Erfahrung nicht ankommt“. Poreski argumentierte zudem, dass Offene Jugendarbeit einen hohen volkswirtschaftlichen Nutzen habe, auch wenn dieser oft nicht direkt monetär zu fassen sei.
Die Diskussionsrunde – Herausforderungen und Chancen
Im Anschluss an den Vortrag entwickelte sich eine lebhafte Diskussion, die wichtige Aspekte der Kinder- und Jugendarbeit beleuchtete:
- Wandel der Jugendarbeit: Die Teilnehmenden erörterten, wie sich die Jugendarbeit in den letzten Jahrzehnten verändert hat. Von spontanen Treffpunkten auf der „Gasse“ hin zu der Notwendigkeit strukturierterer Räume, bedingt durch veränderte Familienstrukturen, Nachbarschaften und den Druck schulischer Belange.
- Abgrenzung und Ergänzung von Offener und Verbandlicher Jugendarbeit: Poreski stellte klar, dass beide Formen der Jugendarbeit, die im Sozialgesetzbuch (SGB VIII) verankert sind, nicht gegeneinander, sondern nebeneinander bestehen und sich ergänzen. Während die verbandliche Jugendarbeit (z.B. Sportvereine oder religiöse Gruppen) eine höhere Verbindlichkeit habe und an feste Strukturen gebunden sei, biete die offene Jugendarbeit einen nicht fest gefassten Raum, der besonders für Jugendliche wichtig sei, die sich weniger an feste Strukturen binden wollten. Hier stehe die Prozessqualität und die Unterstützung beim „Ins-Leben-Finden“ im Vordergrund, ohne den Erwartungsdruck, wie er in der Schule herrsche.
- Finanzierung und Konnexität: Ein zentrales Thema war die Finanzierung. Thomas Poreski erklärte, dass das SGB VIII eine weisungsfreie Pflichtaufgabe der Kommunen sei, was zu sehr unterschiedlichen Umsetzungen führe. Besonders problematisch sei die fehlende Konnexität (wer bestellt, bezahlt) vom Bund zu den Kommunen bei neuen Pflichtaufgaben wie dem ab diesem Jahr greifenden Ganutagsförderungsgesetz (GarföG), das eine achtstündige Betreuung für Grundschulkinder vorsieht. Dies stelle die Kommunen, auch Kusterdingen, vor große Herausforderungen.
- Die Jugendfarm im Kontext des Ganztagsförderungsgesetzes: Es wurde lebhaft diskutiert, wie die Jugendfarm mit ihrer bewährten Ferienbetreuung zur Entlastung der Schulen beitragen kann und warum ihre „freie, schöne Aufgabe“ jenseits des schulischen Kontexts einen unverzichtbaren Mehrwert für die kindliche Entwicklung biete – gerade im Hinblick auf Selbstwirksamkeit und soziale Kompetenz.
- Personal und Qualitätssicherung: Die Herausforderung, qualifiziertes und motiviertes Personal für die Jugendarbeit zu gewinnen und zu halten, war ein weiteres Anliegen. Es brauche multiprofessionelle Teams und eine Anerkennung von Qualifikationen. Poreski verwies auf Ansätze wie das Landesprogramm „Rückenwind“, das Schulen mit zusätzlichem, nicht-lehrendem Personal unterstützt.
- Langfristige Finanzierung versus Projektförderung: Die Praxis der Projektfinanzierung, die einen Anfang und ein Ende hat und hohe bürokratische Hürden mit sich bringt, wurde kritisiert. Es fehle eine solide Basisfinanzierung, die es erleichtern würde, weitere Mittel von Stiftungen oder der Wirtschaft zu akquirieren, welche oft „Zusätzlichkeit“ und nicht die Grundfinanzierung unterstützen.
- Die Jugendfarm als Standortvorteil: Ein eindringliches Plädoyer kam von einem Kollegen der Tübinger Kinder- und Jugendfarm, der die Kusterdinger Jugendfarm als „Perle“ und enormen Standortvorteil für die Gemeinde bezeichnete. Sie stärke nicht nur die Kinder, sondern auch Kindergärten, Schulen und Inklusionsprojekte, und sei ein Angebot für alle Kinder, nicht nur für benachteiligte.
Ausblick
Thomas Poreski und die Diskutanten gaben wichtige Impulse, wie die Politik auf Landes- und kommunaler Ebene bessere Rahmenbedingungen schaffen kann, um diese wertvolle Arbeit langfristig zu sichern.
Weitere Informationen zur Jugendarbeit und den Angeboten der Jugendfarm finden Sie unter https://jugendfarm-haerten.org/



